Ich bin Supervisorin – und ich bin Lehrerin. Religionslehrerin im Kirchendienst, um genau zu sein.

Ich bin zum Religions-Lehrerin-Sein ja gekommen wie die Jungfrau zum Kinde: Ich wusste ziemlich früh, dass ich in der Kirche als Seelsorgerin arbeiten will. Das war der Grund, weshalb ich Religionspädagogik studiert habe. Ich hatte meine kirchliche Heimat in der katholischen Jugendarbeit, habe im BDKJ und der PSG gelernt zu organisieren und zu planen, meine Liebe zu konzeptioneller Arbeit – und v.a. zur Arbeit mit Menschen entdeckt. Das wollte ich als Gemeindereferentin zum Beruf machen.

Eine ziemlich klassische Karriere eigentlich. Jedenfalls für das katholische Bayern des 20. Jahrhunderts. Und eins war mir immer klar: „Lehrerin? Das werd ich nie!“ Ich seh mich heut noch in Eichstätt in der Uni stehen und genau das mit vollster Überzeugung verkünden.

Tja. Und manchmal kommt’s dann halt doch ganz anders… Sagen wir’s mal so: Die Realität hat meinen jugendlichen Idealismus recht schnell eingeholt. Schneller als mir lieb war…

Allerdings hat mich ziemlich zeitgleich auch ein wundervoller Mann eingeholt, mit dem ich zusammen leben wollte (und es übrigens auch immer noch tue). Und da gab es gewisse örtliche Probleme, denn die Pfarrgemeinden in der schönsten Stadt von allen, der Heimatstadt meines Mannes und mir, waren schon damals extrem begehrt und für mich war in und um Bamberg kein Platz. Wohl aber in einer Volksschule – nun ja: So wurde ich also Religionslehrerin.

So anstrengend es war, das „Religionslehrerin-Sein“ zu lernen, so unbefriedigend war es für mich auch „nur“ Religion zu unterrichten (die Erkenntnis, dass ich nicht Religion unterrichte, sondern Schülerinnen und Schüler, kam mir erst ein bisschen später). Mir war auf eine ganz eigenwillige Art langweilig. Nicht die schöne, musevolle Langeweile, die es braucht, um Neues zu entwickeln und Kreativität Raum zu geben – es war eine nahezu tödliche Langeweile. Und schon auch immer das Gefühl, dass mir was Wesentliches in meinem Beruf fehlte.

Aus heutiger Perspektive glaube ich, dass mir da die Freiheit im Zusammensein mit anderen Menschen gefehlt hat, das Miteinandersein auf Augenhöhe. Ich hab mich in den ersten Jahren sehr an an den typischen Glaubenssätzen des Schulsystems orientiert. Logisch eigentlich, denn das gibt Sicherheit. Allerdings stand das in einem permanenten Widerspruch zu dem, was mir selbst wirklich wichtig war und ist. Noch heute wird mir ganz anders, wenn mich ein Kind fragt, ob es denn zur Toilette dürfe oder im Unterricht trinken dürfe. Ja, natürlich! – aber so natürlich ist das in Schule halt nicht.

Mich in meiner Lehrerinnen-Rolle und meiner Autorität so zu entwickeln, dass in diesem einschränkenden Rahmen Gleichwürdigkeit wachen und blühen kann – das war eine ziemliche Aufgabe.

Der Schlüssel diese Aufgabe zu bewältigen, war eine eigentlich ziemlich simple Einsicht: Strukturen können dann gestaltet werden, wenn man sie – und die Menschen in ihnen – ernst nimmt und in dem würdigt, was sie ansich Gutes wollen.

Aber doch: Bis ich das gecheckt habe, hat es ein paar Jahre gedauert – und wäre mir ohne den Ausbildungskurs zur Supervisorin vielleicht auch nie so klar geworden.

Und zu der kam ich ja auch eher „zufällig“: Durch einen eigentümlichen Zufall, nahm ich nach einigen Jahren als Religionslehrerin an einer Fortbildung „Ressourcevoll unterrichten“ teil. Faktisch war das mein Einstieg in das NLP – und die kopernikanische Wende meines Lehrerinnen-Seins: Hinter jedem Verhalten – und sei es noch so unangemessen – steckt eine positive Absicht! Dieses Grundaxiom des NLP begeistert mich noch heute, es hat meinen Blick auf die Menschen mit denen ich zusammen lebe und arbeite so grundsätzlich verändert, dass ich inzwischen sogar richtig gern Lehrerin bin.

Daran, dass ich auch sehr sehr gerne mit Erwachsenen arbeite und unglaublich neugierig auf die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten bin, hat das allerdings nichts geändert. Auch meine Beraterausbildung nicht. Allerdings wurde durch diese Ausbildung meine Wahrnehmung immer genauer – und damit mein Staunen darüber, welche unglaublichen Belastungen Lehrerinnen und Lehrer aushalten, wie sehr sie darunter leiden und wie wenige in dieser Situation Unterstützung suchen.

Ein bisschen weiter geschaut, ist dieses Phänomen weit verbreitet unter Menschen, die mit Menschen arbeiten. Das kostet den Einzelnen viel Energie und Nerven und Zufriedenheit, ist für die Qualität der professionellen Arbeit Gift – und damit auch für die Institutionen, die die soziale Arbeit verantworten und finanzieren.

Und ich hatte einen ganz egoistischen Grund, aus diesem Spiel, in dem ich gefangen war, auszusteigen: Ich merkte, wie ich mich immer mehr von dem entfernt habe, was mir wirklich wichtig ist und was mich ausmacht. Ich hatte meinen „jugendlichen Idealismus“ meiner beruflichen Wirklichkeit geopfert. Das macht keinen Spaß – und gesund ist das auch nicht.

Die gute Nachricht ist: Ich habe ihn wieder gefunden!

Und er hat sich mit der Realität getroffen und ist an ihr gereift.

Wahrscheinlich hat mich genau das – neben meinen vielfältigen akademischen und beraterischen Ausbildungen – erst wirklich zur Supervisorin gemacht. Und das, ohne das Religionslehrerin-Sein aufzugeben. Warum denn auch? Gerade Schule braucht Menschen, die mit Idealismus und Realitätssinn genau hinschauen und immer und immer wieder die Möglichkeiten zu entdecken helfen. Und das kann ich ziemlich gut.

Mein „jugendlicher Idealismus“ und meine Leidenschaft für Menschen ist noch immer sehr lebendig – und halt ein bisschen ruhiger und gelassener als im 20. Jahrhundert. Oder anders formuliert: Ich bin jetzt genau das, was ich werden wollte – wenn auch ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe.

Achtsam die Wirklichkeiten wahrnehmen, die Möglichkeiten entdecken, die darin stecken und daraus Entscheidungen treffen – darin unterstütze ich heute Menschen, die mit Menschen arbeiten und das tun wollen, was sie wirklich! wollen.